
Nürnberg ruft wie kaum eine andere Stadt Erinnerungen an die Zeit des "Dritten Reiches" wach: Neben der Bestimmung zur "Stadt der Reichsparteitage" wurden hier 1935 die berüchtigten "Nürnberger Gesetze" erlassen, die Juden und andere Minderheiten entrechteten. Hier lag die Wirkungsstätte des krankhaften Antisemiten und fränkischen Gauleiters Julius Streicher. Im Zweiten Weltkrieg sank die Innenstadt Nürnbergs durch Bombenangriffe der alliierten Luftstreitkräfte zu über 90% in Schutt und Asche und war ein Symbol der Zerstörung. Und hier zogen schließlich die Siegermächte in den "Nürnberger Prozessen" NS-Täter zur Rechenschaft.
Diese Geschichte heutigen und kommenden Generationen zu vermitteln, ist seit dem Jahr 2001 Aufgabe des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. Es versteht sich selbst nicht als Gedenkstätte, sondern vielmehr als ein Erinnerungs- und Lernort, der anhand seiner Spezifika seinen Beitrag zu einem besseren Verständnis der Ursachen, Zusammenhänge und Folgen der NS-Gewaltherrschaft leisten möchte. In der Ausstellung "Faszination und Gewalt" erschließen vielfältige Materialien die Hintergründe und Strukturen, die besonders in den Anfangsjahren des Regimes zu Massenbegeisterung und kultischer Verehrung von Hitler geführt haben.

Der authentische Ort "Reichsparteitagsgelände" mit einer Größe von heute noch über vier Quadratkilometern spielt bei der Vermittlung eine wichtige Rolle. Die unvollendete Kongresshalle mit der Dauerausstellung "Faszination und Gewalt" und die Relikte auf dem Gelände stellen die Hauptexponate dar. Die Besucher erfahren direkt Dimensionen, Gliederung und Inszenierung der nationalsozialistischen Bauten. Die moderne Architektur des Dokumentationszentrums regt zur Diskussion und zum Nachdenken an.
Das Dokumentationszentrum versteht sich jedoch nicht ausschließlich als Ort der "Darstellung von Gewesenem". Gerade hier stellen sich fast von selbst Fragen, die heute und in Zukunft von Bedeutung sind. Sie kreisen z.B. um das Thema der Manipulierbarkeit des Einzelnen, das Verhältnis von Individuum und Kollektiv. Von der Rolle der Menschenrechte oder des Internationalen Strafgerichtshofes, der in direkter Nachfolge zu den Nürnberger Prozessen steht, ergeben sich Bezüge zur aktuellen Politik.
Die Ausstellung ist so konzipiert, dass sie bei Nutzung eines im Eintrittspreis enthaltenen Audioguides gut eigenständig zu erschließen ist. Das Bildungsprogramm im Studienforum gibt den Teilnehmern die Möglichkeit, bestimmte Aspekte zu vertiefen. Schüler- und Jugendgruppen können sich anhand von altersspezifischen Materialien ein eigenständiges Urteil erarbeiten. Moderatoren initiieren und steuern den Diskussions- und Lernprozess durch die bewusste Nutzung und thematische Entschlüsselung des authentischen Ortes.